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Moral vs. Bequemlichkeit

Darf man noch bei Amazon shoppen?

von Nils Matthiesen

Die Marktmacht von Amazon nimmt langsam aber sicher ungesunde Züge an. Ist es an der Zeit, dem Shopping-Riesen die rote Karte zu zeigen?

Bei Amazon geht man shoppen, wenn alles möglichst glatt, schnell und einfach über die Bühne gehen soll. Die Deutschen gehören weltweit zu den besten Kunden. Kein Wunder, schließlich hat der US-Konzern das perfekte Wohlfühl-Einkaufserlebnis geschaffen. Deutsche Kunden haben inzwischen die Auswahl aus mehr als 200 Millionen verschiedenen Produkten, dazu kommt der gute Service: Viele Waren kommen noch am gleichen Tag nach Hause und Reklamationen werden stets kulant abgewickelt.

Die perfekte Einkaufswelt

Noch enger sind Prime-Mitglieder ans Amazon-Universum gebunden. Für eine attraktive Jahresgebühr kommen bestellte Waren stets ohne zusätzliche Versandgebühren nach Hause, obendrein gibt es noch Gratis-Filme und Serien, Musik und E-Books. Weiter gepusht wird der Reiz des Dienstes mit Aktionen wie dem Prime Day, an dem Amazon Schnäppchen im Minutentakt an Mitglieder raushaut. Das Ziel: Wer einmal Prime-Kunde ist, soll das Ökosystem Amazon nur noch selten verlassen. Die Mitgliederzahlen steigen rasant: Mehr als 100 Millionen Menschen sind inzwischen Teil der Prime-Community, Tendenz steigend.

Es droht ein Händlersterben

Amazon macht wirtschaftlich zweifellos vieles richtig, das Ganze entwickelt sich allerdings in eine ungesunde Richtung. Das System führt nahezu zwingend zu einer Monopolstellung, selbst im Online-Handel. Laut der PwC-Studie „Total Retail 2017“ kaufen rund 90 Prozent der deutschen Online-Shopper inzwischen beim Marktführer ein. Rund ein Drittel der Befragten gab an, durch den Einkauf bei Amazon seltener im stationären Handel Geld auszugeben. Und jeder Vierte gab an, seltener bei anderen Online-Händlern auf den Bestell-Knopf zu drücken. Es scheint sich herauszukristallisieren, dass selbst im Online-Handel das Prinzip „Es kann nur Einen geben“ herrscht. Mit unschönen Folgen. So prognostiziert das Handelsforschungsinstitut eine „Amazonisierung des Konsums“. Auf lange Sicht werden 90 Prozent aller Onlinehändler die Segel streichen müssen. Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung des IFH, sagt, dass Amazon sich im Bewusstsein und Kaufverhalten der Kunden schon so nachhaltig verankert habe, dass „der Weg zum Kunden für andere Anbieter regelrecht abgeschnitten wird“. Doch es ist nicht nur die kranke Marktdominanz, die Amazon vor allem in der westlichen Hemisphäre innehat. Darüber hinaus gerät Amazon auch aufgrund anderer Dinge immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik.

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Miese Arbeitsbedingungen

Amazon-Arbeiter protestieren weltweit immer wieder über die „unmenschlichen Bedingungen“ in den Lagern von Amazon. Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Streiks. Die schlechte Bezahlung ist bei weitem nicht das einzige Problem. Immer wieder dringen unfassbare Geschichten an die Öffentlichkeit. Etwa das Arbeiter in Zelten direkt der Lagerhalle schlafen, weil sie sich das Pendeln zur Arbeit nicht leisten könnten. Oder das Mitarbeiter unter Druck in Flaschen pinkeln, um die Vorgaben erreichen zu können.

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Subventionen vom Staat

Ist es fair, wenn lokale Händler gegen einen multinationalen Riesen kämpfen müssen, der vom Staat noch kräftig den Arsch gepudert bekommt? Nur ein Beispiel: Für ein neues Logistikzentrum in Nashville bekommt Amazon Subventionen in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar. In Europa gibt es ähnliche Beispiele.

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Fragwürdiges Steuermodell

Der globale Umsatz von Amazon betrug 2017 rund 177,87 Milliarden US-Dollar. Doch Steuern hat der Konzern kaum gezahlt. Auch dem deutschen Fiskus gehen durch Steuertricks jedes Jahr Millionen durch die Lappen, etwa weil ausländische Händler bei Amazon und Co. keine Steuern abführen. Ebenfalls ein unfairer Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Händlern, die brav ihre Steuern bezahlen.

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Fiese Datenkrake

Amazon ist überall am Start: Wer bei Amazon einkauft, Videos schaut und Musik hört, hinterlässt schon ein ziemlich genaues Bild seiner persönlichen Interessen. Der neuste Clou ist Alexa. Es gibt es natürlich gute Gründe, warum Amazon die Preise seiner Sprachassistenten preislich so attraktiv gestaltet und damit massenhaft Käufer ködert. Noch ein Gerät, das massig Daten sammelt, um die eigenen Server mit Informationen rund um persönliche Interessen, Meinungen, Bewegungen, Lebensumständen und mehr zu befüllen.

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Fazit

Du musst natürlich selbst entscheiden, ob du weiter bei Amazon shoppst. Es spricht auf jeden Fall einiges dagegen. Vielleicht gibts du auch mal wieder anderen Händlern eine Chance. Denn auch die bieten meist guten Service und schnellen Versand. Und besonders günstig ist Amazon sowieso nicht.

ein Artikel von
Nils Matthiesen
Nils Matthiesen
Nils ist Journalist, Texter und einer der ersten Digital Natives. Er beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit den Themen Vorsorge, Geldanlage und Börse. Persönlich setzt er inzwischen mehr auf Fonds-Sparpläne als aktives Aktien-Picking.

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