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Neid Said Fred

Neid – Wird er größer, je reicher man wird?

von Marie von den Benken

Wir wissen alle, Neid macht hässlich. Aber trotzdem vergleichen wir uns ständig mit anderen. Und je mehr man hat, desto mehr kann man sich vergleichen. Deshalb stellt sich unsere Kolumnistin diese Woche die Frage: „Wird Neid größer, je reicher man wird?"

Ich erinnere mich noch gut. Gegen Ende der Grundschulzeit wurden sie bei uns en vogue. Poesiealben. Ende der 90er Jahre hatte man als Zehnjährige weder Handy noch Internet und musste mit Zettelchen und richtigen Gesprächen mit seinen Mitschülern in Kontakt bleiben – quasi wie in der Steinzeit. Ich erinnere mich vor allem deswegen so genau an diese Zeit, weil ich nächtelang darüber sinnierte, was ich sinnvolles und gleichzeitig überraschendes in die Alben schreiben könnte. Immerhin würden sie noch Generationen nach uns ein Bild davon zeichnen, wie ich Kaya, Ninette, Linda, Lisa oder Alexia fand. Das Poesiealbum als inoffizielle Beliebtheitsskala der Grundschule. Wer bekam die aufwändigsten Einträge, bei wem stand nur lieblos irgendein Kalenderspruch?

Damals gab es noch keine Likes und keine Retweets, Follower waren noch echte Menschen und die Beliebtheit wurde noch fein säuberlich handwerklich eingeordnet. Zum Beispiel in der Währung Poesiealbum. Wer durfte in das von Kaya schreiben. Sie war die Königin des Viertklässler-Schulhofs und wer sich in ihrem Poesiealbum verewigen durfte, hatte es geschafft. Wer es noch nicht wie ein Kleinod der Bestätigung seiner eigenen Relevanz mit nach Hause tragen durfte, galt als gesellschaftlich schwierig und zählte zunächst mal nicht zur In-Clique. Ja, Kinder sind grausam und oberflächlich und ich hatte Glück, ich durfte als eine der ersten in Kayas Poesiealbum schreiben. Viele Nachmittage verbrachten wir damit, die neusten Einträge nachzulesen oder die alten der besonders coolen, älteren Jungs immer und immer wieder nach versteckten Botschaften abzusuchen. Aber es gab keine.

Grundschul-Poesie als Blaupause der Zukunft

In der Altersklasse zwischen 10 und 13 tummelten sich vor allem jede Menge Kalendersprüche auf den Seiten der Handelsüblichen Poesiealben. Wer sich tiefgründig zeigen wollte, schrieb gerne so was wie „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“ mit goldenem Edding auf die Seiten. Die etwas cooleren versuchten es mit politischer Rebellion und Sprüchen wie „Bombing for Peace is like Fucking for Virginity“. Und dann gab es noch die romantischen. Hier führte der Spruch „Liebe ist das einzige, was wächst, wenn man es teilt“ in die Top 10 an. Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Wer verliebt ist, ist glücklich. Liebe verleiht Flügel, Liebe macht stark, Liebe baut Brücken. Kurzfazit: Liebe ist eher gut. Sollte das aber mit anderen Dingen, die das Leben schöner machen, nicht ähnlich sein?

There's Always Someone With A Bigger Car

Würde ich logisch finden. Ist es aber nicht. Im Gegenteil. Hier kommt meine Steile „Geld ist das Gegenteil von Liebe“-These. Wer mit der Liebe spielt, erleidet emotionalen Schiffbruch. Wer mit Geld spielt, finanziellen. Man kann sich darüber streiten, was schlimmer ist. Ein Leben ohne Liebe ist traurig, ein Leben ohne Geld vermutlich unmöglich. Aber das sind bürgerliche Kategorien, da muss man kein Känguru sein, um das zu verstehen. Viel interessanter finde ich den Aspekt, dass viel Geld sehr häufig nicht zu viel Zufriedenheit führt. Wer kein Geld hat, ist möglicherweise neidisch auf den, der viel Geld hat. Aber warum ist der, der bereits ein stattliches Vermögen angehäuft hat, oftmals dennoch weiterhin neidisch. Oder sogar noch schlimmer: Besonders neidisch?

Ist es an der (wirtschaftlichen) Spitze so langweilig, dass man sich nur noch über seine Position im Millionärs-Ranking definiert? Ist eine Villa, ein Sportwagen, ein Ferienhaus und finanzielle Unabhängigkeit plötzlich nichts mehr wert, wenn der Nachbar einen protzigen Wintergarten anbaut und den teureren Sportwagen vor der Tür parkt? Die Briten haben dafür einen Spruch: „There's always someone with a bigger cigar“. Als ich ihn das erste mal hörte, dachte ich, herrje – eure Probleme möchte ich haben. Einige Jahre Lebenserfahrung später sage ich: Die Gelassenheit, den vermeintlich noch größeren Erfolg des anderen unberührt hinzunehmen, fehlt den meisten.

Macht Geld glücklich oder neidisch?

Oder mal anders gesagt: Wer wenig Geld hat, stellt sich sicher oftmals die Frage, warum er nicht auch mal Glück, auch mal ein dickes Konto, auch mal einen Porsche haben könnte. Aber das sind Momente, die schnell wieder vergehen. Wenn aber der prozentuale Anteil an Menschen, die neidisch auf finanzielle Errungenschaften anderer sind, in der Welt der Normalsterblichen so groß wäre, wie in der Kategorie „Großverdiener“, hätten wir ein Land der frustrierten Neidhammel. Warum ist die Sehnsucht danach, mehr zu haben als der Nachbar, besonders dann extrem ausgeprägt, wenn man eigentlich schon lange mehr als genug hat, um sorgenfrei zu leben?

Ich glaube mittlerweile, der Respekt davor, dass mit viel Vermögen auch große Verantwortung einhergeht und viele Gelegenheiten, das eigene Vermögen auch wieder zu verlieren, ist viel geringer als die latente Unzufriedenheit, wenn jemand anders noch mal eine Etage weiter oben in der Privatbank empfangen wird. Man trinkt Moet, aber es gibt jemanden, der trinkt Dom Perignon. Und das schmerzt.

Der Neid der anderen

Wird das Gefühl, man sei weniger wert als der Nachbar, wenn der Nachbar das teurere Auto hat, etwa intensiver, wenn es nicht mehr um Opel und BMW geht, sondern um Ferrari und Bentley? Kann es wirklich eine Niederlage sein, wenn man 100 PS weniger in der Garage stehen hat? Macht es einen Unterschied, ob man drei Tag Heuer in der Vitrine hat, oder drei Patek Philippe? Bis vor einiger Zeit hätte ich gesagt: Natürlich nicht, das ist doch albern. Heute aber glaube ich: Ja. Bei vielen offensichtlich schon. Es ist kein Zufall, dass sie Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt immer größer wird. Wer viel Geld hat, möchte noch mehr, möchte noch eindeutiger der erfolgreichste sein in seiner Sozialstrukur. In seiner Familie, seiner Straße, seiner Stadt. Ich glaube, das ist ungesund. Geld alleine macht nicht glücklich. Und wenn es im Gegenteil sogar unglücklich macht – wie gut ist dann das Konzept Geld? Was bedeutet Reichtum?

Aber das ist eine philosophische Frage, mit der ich Euch jetzt aus diesem Text heute entlasse. Aber macht Euch Gedanken darum! Erwischt Ihr euch auch manchmal dabei, wegen einem schöneren Designer-Pullover, dem hübscheren Schmuck oder der exotischeren Urlaubsreise eine Art Neid zu verspüren? Dann stoppt das! Fragt Euch, ob das glücklich machen kann. Überprüft euch. Wenn jeder sich hin und wieder mal grundsätzlich und ehrlich hinterfragen würde, wäre die Welt sicher auch schon wieder ein bisschen besser. Und Neid viel weniger populär. Also, macht was draus. Findet Antworten für Euch! Ich frage die demnächst ab!

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Marie von den Benken
Marie von den Benken
Mit 14 wurde sie von einer Modelagentur entdeckt, mittlerweile ist Marie von den Benken in der internationalen Modewelt zu Hause. Sie arbeitet als Model, Influencerin und Autorin. Mit viel Ironie hat sie es auf Twitter zu einer großen Reichweite gebracht.

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