Geld, Champagner-Parties, Überstunden?

„Das Leben als Banker ist eine absolute Parallelwelt"

von Julian Kiderle

Was ist heutzutage überhaupt ein Banker? Der nette Herr mit Schlips und Anzug am Kreissparkassenschalter, der dein von Oma angelegtes Sparbuch verwaltet? In Zeiten von Online-Banking eine altbackene Vorstellung. Aber wen können wir dann nach Tipps zum Anlegen und Sparen fragen? Wer hat Ahnung von den neusten Fintech-Ideen? Wer erklärt mir, was ich tun muss, damit sich mein Geld vermehrt?

Wir haben diesen Banker gefunden: Julian Kiderle ist unser Experte zu sämtlichen Geld-Themen.
28 Jahre jung, Dealmaker, Berater und Analyst bei einem global agierenden Finanzdienstleister. Kurz: Er arbeitet in einer Parallelwelt, über die er sagt: Das ist kein Job, das ist ein Leben. In Teil 1 unserer Serie erklärt er uns, wie das Leben eines Bankers so aussieht – und ob alle Klischees aus Filmen wie „The Wolf of Wallstreet“ tatsächlich stimmen.

Den typischen Banker stellt man sich irgendwie anders vor. Kann man dich trotzdem so bezeichnen?

Kann man, ja. Denn: Was heißt Banker? Es gibt Commercial Banker, die wie gewohnt bei der Kreissparkasse stehen und typisches Privatkunden-Geschäft abwickeln. Dann gibt es das Corporate Banking, darunter fällt auch Investment Banking. Prinzipiell hat das nichts mit dem eigentlichen Bankgeschäft zu tun, trotzdem ist das natürlich Teil einer Bank – somit bin auch ich in gewisser Weise ein Banker.

Dann nochmal für Dummies: Was machst du den ganzen Tag?

Gute Frage. Also: Es gibt Unternehmen, die wollen kaufen oder verkaufen oder fusionieren oder an die Börse gehen. Dafür benötigt es Berater, die das Management und die Gesellschafter in dem Prozess unterstützen. Das dauert je nach Abwicklung in der Regel sechs bis neun Monate. Die To-Dos variieren also.

Hört sich nach ziemlich viel Arbeit an. Wie kommt man denn dazu, Banker zu werden?

Das klingt jetzt zwar komisch, aber ich hatte immer schon einen großen Bezug zu Geld, das Thema hat mich einfach immer schon interessiert. Nach der Schule habe ich BWL studiert wie der klassische Abiturient, der nicht weiß, was er tun soll. Im Studium hatte ich dann echt Glück mit einem super Dozenten in Finance und Accounting. So läuft das ja in den meisten Studiengängen: Du schaust dir verschiedene Bereiche an und entwickelst dann im besten Fall für einen etwas mehr Interesse.

Wie ging’s weiter?

Auch das kennen die meisten Studenten: Praktika. Ich selbst habe fünf Praktika gemacht, die Regel sind ca. drei bis sechs, je nach Name der Bank und Position. Normalerweise bewirbt man sich dafür bei Banken im Corporate/Investment Banking oder bei einer Strategieberatung à la McKinsey, Boston Consulting Group etc. Alle Praktika sind bezahlt, teilweise auch sehr gut.

Was heißt sehr gut?

Das heißt 2.500 Euro brutto pro Monat oder mehr. In der Wirtschaft wirst du nie einen ordentlichen Job bekommen, wenn du zuvor nicht entsprechende Praktika gemacht hast. Nach dem ersten Praktikum geht es dann Schritt für Schritt weiter. Aber diese Schritte sind ganz genau durchdacht und streng getaktet. Wer wirklich den Weg zum Investmentbanker einschlägt, muss das auch wirklich wollen. Das ist nicht irgend so ein Job. Das ist eigentlich gar kein Job, sondern ein Lifestyle, ein Leben. Und es ist auch keine Karriere, in die man einfach so reinfällt.

Hast du also auch jeden Schritt genau geplant?

Ja. Ab dem zweiten Semester habe ich jede Entscheidung an der Frage orientiert: Wie komme ich hierher? Du musst einen sehr strukturierten Lebenslauf haben, um dich überhaupt in der Branche bewerben zu können.

Und bist du jetzt da, wo du sein willst?

Jein. Das ultimative Ziel ist es, das alles von der Kundenseite aus zu machen. Das nennt man dann Corporate M&A, also direkt für den Mandanten zu arbeiten. Momentan bin ich noch auf der Sell-Side. Aber um einmal auf der Kundenseite zu landen, musst du in der Regel auf der Sell-Side anfangen. Wir versuchen, etwas für andere zu verkaufen und die Corporate M&A sind die, die versuchen, Investments/Zukäufe zu tätigen oder ihr eigenes Geschäft zu verkaufen und vertraglich weiterzuentwickeln.

Du bist also auf der berühmten Karriereleiter?

Wenn du es so formulieren willst, ja. Und auf dieser Leiter sollte und kann man keine Sprossen überspringen. Das ist das klassische Up-or-Out-Prinzip.

Das was?

Das Up-or-Out-Prinzip: Wirst du nicht befördert, dann wirst du rausgeschmissen. Und die Beförderungsschritte sind genau aufgeteilt.

Erstes bis drittes Jahr bist du Analyst, viertes und fünftes Jahr Associate, sechstes bis achtes Jahr Vice President, neuntes und zehntes Jahr Director und elftes Jahr bis Open End dann Managing Director.

Ich bin Analyst im dritten Jahr, habe also noch einen guten Weg vor mir. Aber wenn du da oben bist, dann hast du es geschafft.

… dann hast du es geschafft, wie Leonardo Di Caprio bei „The Wolf of Wallstreet“ fette Champagner-Parties zu schmeißen und einen Big Deal nach dem anderen zu feiern?

Naja, so oder so ähnlich. Das, was man bei „The Wolf of Wallstreet“ sieht, ist nochmal ein anderer Job. Die Jungs dort sind klassische (Sales-)Trader – also die, die mit Aktien handeln. Aber solche Kollegen gibt es bei uns auch und ja, da sieht es genauso aus. Die Räume sehen bei uns auch so aus, der einzige Unterschied: Wir hängen nicht die ganze Zeit am Telefon. Alles andere – der Druck, das Schnelllebige, Hektische, leicht Wahnsinnige – ist identisch.

Ok, wenn du also eine Champusflasche nach der anderen köpfen könntest, stellt sich die Frage: Hat sich dein Umgang mit Geld geändert, abgesehen von der Tatsache, dass du einfach viel mehr hast?

Kurzzeitig ja, mittlerweile hat sich das wieder gelegt. Ich sehe tagtäglich Leute um mich herum, bei denen sich das wirklich nachhaltig verändert hat, aber es gibt auch durchaus Kollegen, so auch ich, die relativ schnell wieder zum normalen Leben zurückgefunden haben.

Bevor bei unseren Lesern skurriles Kopfkino entsteht, klär mal auf: Was heißt, zum normalen Leben zurückgefunden? Wie abnormal sah dein Leben denn aus?

Naja, man lebt da schon in so einer Blase. Das ist eine absolute Parallelwelt – man arbeitet bis vier Uhr nachts und ist total aufgekratzt, während alle anderen schlafen. Wenn es doch mal drei Uhr wird, gehst du nicht nach Hause, sondern noch eine Stunde feiern. Am Anfang ist das noch ganz reizvoll: Du kommst aus dem Studium und hast auf einmal richtig viel Knete. Da denkt sich so gut wie jeder: Na gut, dann schieße ich es halt raus. Aber sobald es dir zum ersten Mal schlecht geht, im Sinne von: Du bist müde, du merkst, dass der Alkohol und die Exzesse echt anstrengend werden, dann änderst du etwas – im besten Fall.

Vor allem, weil du doch immer noch leisten musst mit ewig langen Arbeitstagen.

Ja, auf jeden Fall. Und dann spalten sich eben die Leute: Es gibt die, die weitermachen und irgendwann auch nicht mehr anders können oder wollen und dann gibt es die Leute, zu denen ich mich auch zähle, die irgendwann denken: Ok, das ist alles schön und gut, aber es gibt auch bessere Weisen, wie man sein Leben regeln kann.

Wie viele Arbeitsstunden hat deine Woche?

Mindestens 60, normal sind 75 bis 80, kann auch mal 100 sein.

Wow! Und wie sieht das Gehalt bei so einem Job aus?

Das kommt auf das Unternehmen an. Als Analyst sind es 60.000 bis maximal 70.000 Euro im Jahr. Dazu kommt noch Bonus und sobald du befördert wirst, steigt natürlich auch das Gehalt. Diese Sprünge sind in der Regel sehr groß.

Gibt es etwas oder jemanden, der dir hilft, auf dem Boden zu bleiben?

Meine Familie und meine Freundin sind sicherlich ein wichtiger, emotionaler Anker. Allerdings schätze ich die eigene Persönlichkeit als größeren Faktor ein – du brauchst Selbstsicherheit, Leidenschaft und geerdeten Antrieb, um das langfristig und voller Überzeugung zu machen.

Vielen Dank, Julian, für diesen ersten spannenden Einblick!

Im nächsten Teil erklärt uns Julian, was diese ganzen Fintechs eigentlich können, warum wir teilweise trotzdem immer auf ganz traditionelle Bankengeschäfte angewiesen sein werden und wieso N26 jetzt plötzlich unter den Einhörnern weidet.

ein Artikel von
Julian Kiderle
Julian Kiderle

Julian Kiderle ist 28 Jahre alt und M&A Analyst/M&A Consultant/M&A Berater (Mergers & Acquisitions) in einem global agierenden Finanzdienstleistungsunternehmen. Für ZASTER schreibt er über aktuelle Finanzthemen, Anlagestrategien für junge Menschen und gibt Einblicke in die Welt der Finanzindustrie.

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