Das hätte es früher nicht gegeben

Wofür Eltern niemals Geld ausgeben würden

von Julia Nadel

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, passiert ein Zauber, den wohl alle zu großen Kinder solcher Eltern kennen: der Kühlschrank füllt sich von allein, simsalabimm, toll. Ein Lieferservice käme ihnen hingegen niemals ins Haus. NIEMALS!

Nun muss ja fast jede*r irgendwann aus dem trauten Heim hinaus in die kalte, hässliche Welt des Selber-Erwachsenseins. Mitnehmen kann man wenig aus der ewigen Hüpfburg einer Kindheit, in der alles von alleine passiert, aber ein bisschen was geht zum Glück immer. Denn: Das Ende der Kindheit ist der Anfang des Geldverdienens und es gibt genau eine gute Seite daran: Man kann damit machen, was man will. Aber: Was macht man am besten mit Geld, das man zum Fenster hinauswerfen will?

Die Antwort findet man in dem berühmten Lied von Freundeskreis: „Lieferando, c'est la langue d'amour“. Wenn Mama und Papa nicht mehr die Lebensmittelgrundversorgung sicherstellen, muss es eben jemand anderes machen. Der Blick des Boten, der an diesem Sonntag das vierzehnte pappige Sushi und die dritte falsche Lieferung vier Stockwerke nach oben trägt, um so faulen Lappen wie mir die Mutter zu ersetzen, hat freilich wenig mit Liebe zu tun, auch, wenn das nicht auf Gegenseitigkeit beruht, denn ich schaue ihn voller Zuneigung an, diesen fremden Mann, während ich in die leere Wohnung hinter mir rufe: „Schatz, essen ist da“, damit er nicht merkt, dass die vier Packungen und zwei Cola für mich alleine sind, aber NA JA.

Menschen, die ihr Erwachsensein unter Kontrolle haben, kaufen natürlich Freitagabends alles rechtzeitig ein. Sie wissen: ein Wochenende ist dunkel und lang, wenn man erst einmal in den komatösen Schlaf des 60-Wochenstunden-Arbeiters gefallen ist, gibt es so schnell kein Entkommen mehr. Diese Menschen machen sich Listen und sie halten ihr Geld zusammen. Menschen, die wie ich sind, machen diese Listen auch. Im Kopf. Theoretisch. Und dann ist Samstagabend und die Netflix-und-Schokomüsli-Lähmung setzt ein. Wäre es nicht so schön, wenn man nun eine Spinatpizza hätte? Und ein Eis? Und Cola? Wäre es nicht sogar absolut irre, wenn einem all das auch noch jemand brächte? Ich meine, wie schön wäre es, wenn man einfach das Gewünschte in einen virtuellen Warenkorb packen könnte, mir virtuellem Geld bezahlen würde (dann tut es erst später weh) und dann wäre 60 Minuten später alles für einen gekocht, gebacken und gebracht?

Die Infantilität der Essenslieferung ist selbstverständlich nichts, wofür man sich schämen muss. Natürlich ist sie ein bisschen traurig, aber es kann ja nicht jeder Tag ein Ich-habe-mein-Leben-so-sehr-unter-Kontrolle-ich-habe-sogar-Eingemachtes-in-meinem-Vorratsschrank-Tag sein. Und ich werde nicht argumentieren, dass ich hier Arbeitsplätze schaffe. Ich werde nichts beschönigen. Für 30 Euro Essen zu bestellen, das meistens pappig, halbwarm und nicht mal halbgeil ist – da wird es minibisschen kompliziert mit der Rechtfertigung.

Die schönen Dinge im Leben brauchen sie aber auch gar nicht, diese ewigen Erklärungen vor sich selber, dass man nicht so ein hilfloser Verlierer ist, als der man sich gerade verhält. Manche Dinge dürfen ganz einfach schön sein. Und Kalorien gehören dazu. Auch, wenn sie nicht die Mutter bringt, sondern der Lieferdienst.

ein Artikel von
Julia Nadel

Julia Nadel ist Laborantin und Science Fiction Fan. Nachts setzt sie sich allerdings an ihren Laptop und schreibt über die Chemie der Liebe oder warum Geld doch glücklich macht - im Labor ist es nämlich einfach zu still und irgendwo müssen die Geschichten ja hin! Julia Nadel ist 29 und lebt im Ruhrgebiet.

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