© Clinton Shard
Der Schein meines Lebens

Der Mount Everest und eine verbotene Geldnote in meinem Schreibtisch

von Jonas Rüffer

Im Laufe unseres Lebens bekommen wir diesen einen Schein, diesen bestimmten Betrag. Den uns jemand schenkt, den wir finden, gewinnen oder den wir jemandem abluchsen – und: an den wir uns für immer erinnern, weil er uns gerettet, berührt oder beschämt hat. Hier erzählen regelmäßig Menschen die Geschichte vom Schein ihres Lebens. Heute: die verbotenen 1000 nepalesischen Rupien.

Die Diagnose

Ich war 12 Jahre alt, als ich die ernüchternde Diagnose bekam. Morbus Crohn. Eine chronische Darmerkrankung, die mich mein gesamtes Leben begleiten würde. Unterernährung, Magenschmerzen, Eisenmangel und viele andere Symptome, die in chronischen Schüben kommen, sollten von dem Zeitpunkt an Alltag für mich sein. Ein Leben voller Medikamente, Krankenhausbesuchen, Untersuchungen und Diagnosen. Okay, dachte ich, mein Leben ist eigentlich schon vorbei. Eishockeyprofi könnte ich wohl vergessen.

Ich hatte anschließend große Schwierigkeiten, meine Krankheit zu akzeptieren und mit ihr zu leben. Die nächsten vier Jahre waren geprägt vom Ausprobieren verschiedener Medikamente, von Weihnachten auf der Intensivstation, vom verzweifelten Nachholen des schulischen Stoffs, von der Angst, nicht mal die Highschool zu schaffen, weil ich praktisch nie in der Schule war – vom Verlust meiner Lebenslust.

Nach einiger Zeit der Verzweiflung über die Frage „Warum ich?” entschied ich mich dazu, dass sich das Schicksal den Falschen ausgesucht hatte. Mit einem neuen Medikament konnte ich wieder anfangen, Sport zu machen. Ich wurde zur Kämpfernatur und setzte mir schließlich ein irrwitziges Ziel: Ich wollte den Mount Everest besteigen.

© Rupien

Die neuen Hoffnung

Ich wurde Mitglied und Unterstützer der Organisation IDEAS und IBD Canada, als ich 13 Jahre alt war. Diese Organisation versucht, die Gesellschaft für diese Krankheit zu sensibilisieren und vor allem: betroffene Kinder zu unterstützen. Mit der Organisation fing ich an, Kampagnen zu gestalten, um Kinder mit dieser Krankheit zu unterstützen. Ich trat in Fernsehshows auf, war Teil von Radiosendungen, hielt Präsentationen in Unternehmen und Rathäusern, sammelte Spenden für unsere Organisation und versuchte, die Wahrnehmung in der Gesellschaft zu verbessern.

Ich versuchte, den Menschen zu zeigen, dass man auch mit einer chronischen Krankheit die Berge im eigenen Kopf – und die auf der Erde – bezwingen kann: Wir organisierten Wandertouren in die entlegensten Winkel der Welt für Jugendliche mit Morbus Crohn. Nach langer intensiver Arbeit und als ich mich endlich stabil genug fühlte, war es auch für mich so weit: Ich meldete mich für eine Expedition zum Mount Everest an, organisiert von IDEAS.

Nepal und seine seltsamen Rupien

Ich war inzwischen 16 Jahre alt, als es losging. Ich flog wirklich nach Nepal, um einen ersten Teil des Mount Everest zu besteigen! Ich hatte mich intensiv darauf vorbereitet, mit meinen Ärzten gesprochen und hart trainiert. Angekommen in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, brauchte ich zuerst Geld. Nepal hat einen ganz besonderen Umgang mit der eigenen Währung. Zum einen sind die Beträge besonders hoch, 1000 Rupien sind ungefähr acht kanadische Dollar, zum anderen kann man die Landeswährung nur in Nepal bekommen.

Es ist streng verboten, Rupien aus Nepal auszuführen, auch nicht privat. Ich konnte also erst am Flughafen in Nepal an einer Wechselstube meine kanadischen Dollar in nepalesische Rupien tauschen. Für meine 370 kanadische Dollar bekam ich ungefähr 30.000 nepalesische Rupien. Ich fühlte mich ziemlich reich, als ich das dicke Bündel Scheine in der Hand hielt. Diese bunten und aufwendig verzierten Scheine rochen nach Abendteuer.

Der gefährlichste Flughafen der Welt

Der nächste Stop war Lukla. Lukla liegt mitten im Himalaya. Von hier starten die meisten Expeditionen zum Mount Everest. Der Flughafen liegt auf ungefähr 2800 Metern Höhe. Es gibt nur eine Start- und Landebahn, und die Flugzeuge fliegen in entgegengesetzter Richtung. Dies bedeutet, wenn ein Flugzeug startet, fliegt es der landenden Maschine entgegen. Ich habe vor Aufregung gezittert, als der Pilot zur Landung auf der nur 600 Meter kurzen Landebahn ansetzte. Dieser Flughafen gilt nicht ohne Grund als der gefährlichste Flughafen der Welt.

Der Treck zum Everest Base Camp

Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an den Moment zurück denke, als ich IHN zum ersten mal sah. Ich stand wie angewurzelt da, ein unbeschreibliches Gefühl ging durch meinen Körper. Da war er. Der Mount Everest. Der höchste aller Berge. Anmutig schön, majestätisch, gebieterisch, gefährlich. Ich sollte ihn besteigen. Zumindest einen Teil.

Da ich erst 16 Jahre alt war, würde meine Expedition am Everest Base Camp enden. Aber immerhin liegt es auf 5364 Meter Höhe. Ich musste unwillkürlich an Reinhold Messner und die vielen anderen Bergsteiger denken, die sich an diesem König aller Berge versucht haben. Viele sind an ihm gescheitert, und einige verloren ihr Leben bei dem Versuch, ihn zu bezwingen. Meine Gruppe und ich würden der Welt und all den Jugendlichen beweisen, dass man solche Abenteuer auch mit einer chronischen Krankheit bestehen kann.

Unser Start vom Flughafen führte durch einen Wald. Es waren ungefähr 8 Grad über Null. Von da an wanderten wir durch die faszinierendste Natur, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Wir schliefen in Teehütten auf dem Weg, betrieben von Nepalesen. Wir aßen Reis, Yak und Momos, eine Art Dumpling. Die Tage waren hart und ich musste mich immer wieder selbst zum Weitergehen überwinden.

Ich habe gemerkt, wie meine Krankheit mich behindert und mich Kraft kostet. Aber der Kampfgeist war stärker. Inzwischen wanderten wir durch Schnee, und es waren 15 Grad unter Null. Wir schliefen den letzten Teil der Strecke in Zelten. Am siebten Tag erreichten wir das Mount Everest Base Camp bei minus 20 Grad Celcius. Auf 5364 Metern Höhe, hatte ich es endlich geschafft. Diese einmalige Gefühl ist nicht in Worte zu fassen. Ich war da. So weit oben war ich noch nie in meinem Leben. So stolz auch nicht.

© Clinton Shard
© Rupien

Die 1000 nepalesischen Rupien

Nach zwei Tagen Aufenthalt am Base Camp, jede Menge Zeit für Fotos, kleine Wanderungen, ich kam insgesamt auf die 5643 Meter Höhe des Kala Patthar, war meine Expedition zu Ende. Einige aus der Gruppe brachen zum Gipfel auf, erfahrene Bergsteiger. Der Rest machte sich auf den Rückweg.

Zurück in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals blieben am letzten Tag noch 1000 Rupien übrig. Dies habe ich mir aufgehoben, um die Flughafengebühren zu bezahlen. Den Rest habe ich ausgegeben, da es ja illegal ist, die Währung außer Landes zu schaffen. Seltsamerweise musste ich die Flughafengebühren jedoch nicht bezahlen. So behielt ich die 1000 Rupien, und sie kamen unbemerkt mit mir zurück nach Kanada. Diesen Schein habe ich bis heute aufgehoben.

Er erinnert mich immer wieder an mein größtes Abenteuer. Vor allem aber erinnert er mich daran, das auch meinem Leben trotz Krankheit keine Grenzen gesetzt sind. Ich habe ihn in meiner Schreibtischschublade versteckt. Jedesmal, wenn meine Krankheit einen neuen Schub hat, hole ich den Schein heraus und denke daran, was ich schon alles geschafft habe und noch schaffen werde.

Seitdem habe ich auch noch weitere Berge bestiegen. Unter anderem habe ich es auf den Gipfel des Kilimanjaro geschafft. Eines Tages kehre ich zurück zum Mount Everest, um auch den letzten Teil der Strecke zum Gipfel zu vollenden.

Clinton Shard, 25, Canada

Noch mehr Zaster