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Komplizierte Beziehung

Den Durchbruch hatten mein Bankberater und ich, als er an der richtigen Stelle lachte

von Julia Nadel

Mein Bankberater hat einen lustigen Namen und ist, wie man sich einen Bankberater vorstellt: mittelalt und mittellustig, dafür aber sehr nett. Nett sind sie ja in der Regel alle, denn das müssen sie sein. Schließlich wollen sie Menschen wie mir etwas verkaufen, also Menschen, die in der ewigen Dispo-Disko tanzen und wissen, dass Gold jetzt nicht die geile Investition ist, als die der Mann vor einem das jetzt anpreist.

Das Leben ist ja schon ein bisschen ein Risiko-Investment, also möchten Menschen wie ich gerne etwas, das Bankberater eigentlich gar nicht versprechen können: sichere Anlage mit viel Gewinn. Deshalb drücken sie in kindlicher Sprache aus, dass 1 % Zinsen ja besser sind als gar keine Zinsen. „Toll“, denkt man, „das sind ja 10 Euro im Jahr, da kann ich mir ja drei Bier und einen Pfeffi am Kiosk von kaufen“, dann nickt man und sagt: „Danke, ciao.“

Mein Bankberater und ich, wir hatten einen denkbar schlechten Start. Ich wechselte die Filiale und statt der jungen, etwas aufgedrehten Frau, die ich viele Jahre sehr mochte, saß plötzlich dieser Mann vor mir. Er war so viel ruhiger, so viel bedächtiger, so viel mehr Bankberater-Sterotyp als die Frau zuvor. Wir quälten uns gemeinsam durch viele Termine, in denen ich eigentlich zu allem immer nur nein sagte: nein, ich will keinen Kredit, nein, ich will nicht investieren, nein, ich möchte das Prospekt nicht, NEIN ECHT NICHT!!!!

Doch eines Tages vor ein paar Jahren saßen wir an einem kalten Wintertag zusammen und er schlug mir erneut „Optionen“ vor, denn „an die Zukunft muss man denken, Frau Nadel.“

Er redete ungefähr zehn Minuten und dann hatte ich genug und unterbrach ihn: „Danke für die Informationen, aber können wir mal endlich einen Moment ehrlich sein und Sie beantworten mir eine einzige Frage?“ Er nickte. „Ich bin immer ehrlich zu Ihnen. Sie wissen mehr über mich, als meine Eltern, denn Sie sehen, wofür ich Geld ausgebe und dass ich mit Geld nicht immer so gut umgehen kann. Ich beantworte Ihre Fragen aufrichtig. Sie vertrauen mir also. Ich würde sagen, es ist an der Zeit für die eine wichtige Frage: Gibt es überhaupt IRGENDEINE Anlage, die sich für mich lohnt und die nicht nur irgendein Quatsch ist, der mir nach fünf Jahren vierzig Euro dreiundzwanzig Zinsen bringt?“

Er rang mit sich. Das Lächeln fror ein, er atmete tief ein und sagte: „Momentan? Nein.“

Ich glaube wir waren beide ziemlich überrascht über diesen Moment. Aber dann passierte etwas, das ich bis heute als den Grundstein unserer Zusammenarbeit bezeichnen würde: ich entspannte mich. Zum ersten mal wurde ich ruhig in seiner Gegenwart und das schlechte Bauchgefühl, dass ich sonst immer hatte, verwandelte sich in etwas anderes: Vertrauen.

Hätte er in diesem Moment gelogen oder mir wilde Versprechungen gemacht, wäre es das gewesen mit unserem Verhältnis. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas Dramatisches getan hätte, denn so eine Bankfiliale ist ein Ort für viele Arten von Drama, aber ein solches wäre selbst mir ein bisschen übertrieben erschienen. Und natürlich kann es auch sein, dass er so geschult und clever ist, dass er wusste, dass er in diesem Moment nur auf die eine Art mein Vertrauen gewinnen kann.

Aber seitdem führen wir keine Gespräche mehr über Investments und Kredite. Wir reden Klartext und schauen, wie wir meine Finanzen in einem überschaubaren Gleichgewicht halten. Und manchmal machen wir jetzt sogar Witze, die ich wirklich lustig finde.

ein Artikel von
Julia Nadel
Julia Nadel ist Laborantin und Science Fiction Fan. Nachts setzt sie sich allerdings an ihren Laptop und schreibt über die Chemie der Liebe oder warum Geld doch glücklich macht - im Labor ist es nämlich einfach zu still und irgendwo müssen die Geschichten ja hin! Julia Nadel ist 29 und lebt im Ruhrgebiet.

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