Berlin – ein neues Leben

Berlin, 1999. Meine Mutter, mein großer Bruder und ich sind frisch aus Kasachstan eingetroffen. Lediglich ein paar Koffer begleiten uns auf dieser entscheidenden Reise. Nun werden wir in Berlin, in jener Stadt, in der auch Mamas Schwestern leben, ein neues Zuhause finden.

Der erste Fünf-Euro-Schein

Ich spürte mit zarten fünfeinhalb Jahren das erste Mal deutschen Boden unter meinen Füßen. Nur einige Monate später feierte ich Geburtstag in meiner neuen Heimat. Sechs Jahre sind ein besonderes Alter. Da wird man in Deutschland eingeschult. Neben zahlreichen Kleinigkeiten wurde mir ein für uns durchaus außergewöhnliches Geschenk überreicht: ein Fünf-Euro-Schein.

Mein erstes Bargeld. Das hatte ich mir verdient, erklärte meine Mutter. Ich solle mir genau überlegen, wann und wofür ich dieses Geld einsetzen würde. Bloß nicht zu vorschnell handeln, lautete die Devise. Dieser Schein würde mir Glück bringen. Für fünf Euro könnte man sich viele schöne Dinge kaufen, so meine Mutter.

Ich hütete diesen Schein wie einen Schatz. Lediglich mein großer Bruder Nikolay wollte mein Verhandlungsgeschick testen. Nur so viel vorweg: Es hat funktioniert. Schlussendlich, es war eine sehr prägende Lektion. Als kleines Mädchen baut man auf die zwei wichtigsten Bezugspersonen im Leben. Ihr Wort ist Gesetz. Mein Bruder hat mir stets gezeigt, dass man eigenständig denken und vor allem Gesagtes und Handeln hinterfragen solle.

Die sagenhaften 50 Cent

Einige Tage, nachdem ich dieses großartige Geschenk bekam, stand mein Bruder grinsend vor mir:

Nikolay: „Aljona, schau: Du hast fünf Euro geschenkt bekommen, richtig?“
Elena: „Genau! Das ist ganz schön viel, oder?“
Nikolay: „Auf alle Fälle. Nur, ich habe fünfzig Cent auf der Straße gefunden. F-Ü-N-F-Z-I-G Cent. Siehst du diese Münze? Ist sie nicht schön golden?“

Voller Staunen betrachtete ich die Münze von allen Seiten. Sie war wirklich schön. Schimmernd im Licht. Kurz überlegte ich: Den Worten meines Bruders zufolge waren fünfzig Cent ein kleines Vermögen. Unseren gemeinsamen Rechentrainings nach war fünfzig eindeutig mehr als fünf… Vielleicht könnten wir ja einen fairen Deal aushandeln?

Elena: „Wollen wir tauschen? Mein Schein ist sehr schön und den kann man gut zur Seite legen…“
Niko: „Bist du dir sicher? Immerhin war das ein Geschenk. Du solltest dir doch gründlich überlegen, was du mit dem Schein machen möchtest ...“
Elena: „Bitte, Kolja, gib mir doch bitte, bitte diese schöne Münze. Dafür bekommst du die fünf Euro … und ich putze dein Fahrrad. Schließlich hatte ich vorgestern Geburtstag.“

Das schien mir nur fair. Immerhin kann man mit einer Münze wesentlich mehr anfangen als mit einem Schein. Mit einer Münze kann man spielen, sie rollen und hin und her werfen. Da gibt es die verschiedensten Optionen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Ich nutzte die Waffe, der noch heute kaum jemand widerstehen kann: meinen Hundeblick. Schwups, lag die Münze in meiner Hand. Niko ging mehr als zufrieden mit meinem Fünf-Euro-Schein von dannen.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis meine Mutter von diesem „fairen“ Handel Wind bekam. Sie machte meinem Bruder eine Ansage, die sich gewaschen hatte. Schlussendlich war ich in Besitz von fünf Euro fünfzig. Eine Kugel Zitroneneis hat mir mein Bruder auch spendiert. Zudem glänzte mein Fahrrad, frisch gewaschen, wie es war. Karma zahlt sich nämlich aus, Bruderherz. Danke, für diese wertvolle Lektion.